FOKUS AGORA SCHUL LABOR CAMPUS THEATER LABOR FORUM

Theaterunterricht 2020

Simone Boles

Angesichts des föderalen Schulsystems und der Autonomie der Schulen gestaltete sich die Praxis des Theaterunterrichts an den Schulen seit dem 13. März 2020 auf Bundes- und auf Länderebene wie zu erwarten sehr heterogen.

Die Umsetzung eines Hygienekonzepts, die Leistungsbewertung und Notenfindung, die Anerkennung und Durchführung von Zeugnissen, Prüfungen und Schulabschlüssen, die Reihenfolge der zurückkehrenden Jahrgänge und die damit inkludierte Relevanzzuschreibung, die digitale Ausstattung der Schüler*innen und Schulen, die effiziente Nutzung des Digitalpackets, die Funktionalität von digitalen Lernmitteln, der Umgang mit zu erwartenden Kompetenzlücken der Schüler*innen im Schuljahr 2020/2021, curriculare Arbeit an Brückenkonzepten etc. waren und sind nur einige der dringenden Probleme, die es zu lösen galt und gilt.

close

„Frederick, warum arbeitest du nicht?" fragten sie. „Ich arbeite doch", sagte Frederick, „ich sammle Sonnenstrahlen für die kalten, dunklen Wintertage." Und als die Mäuse Frederick so dasitzen sahen, wie er auf die Wiesen starrte, sagten sie: „Und nun, Frederick, was machst du jetzt?"

„Ich sammle Farben", sagte er nur, „denn der Winter ist grau."

Und einmal sah es so aus, als sei Frederick halb eingeschlafen. „Träumst du, Frederick?" fragten sie vorwurfsvoll. „Aber nein", sagte er, „ich sammle Wörter. Es gibt viele lange Wintertage - und dann wissen wir nicht mehr, worüber wir sprechen sollen." (Leo Leonni)

Trotz aller Differenzen wird deutlich: Theaterunterricht und kulturelle Bildung ist nicht „systemrelevant“, wird an den Rand gedrängt und in der Regel als Störfaktor angesehen. Systemrelevant sind Kernfächer (Deutsch, Mathe, Englisch), an zweiter Stelle folgt ein großes Mittelfeld zwischen Naturwissenschaften, Geistes- und Gesellschaftswissenschaften und ganz am Ende stehen die drei Fächer der ästhetischen Bildung und der Philosophie- und Religionsunterricht.

Es bedarf keiner Kristallkugel: Dieses Phänomen spiegelt allein die ohnehin gesellschaftlich verankerte Bedeutungshierachisierung des Fächerkanons wider. Allein: Aus gesamtgesellschaftlicher Perspektive ist es gefährlich, auf ästhetische Bildung zu verzichten. Und das ganz besonders jetzt.

Während der Konzeption eines Hypridunterrichts (Verzahnung von digitalem Lernen/Distanzlernen/Homeschooling und Präsenzunterricht) sollte nun eine bildungstheoretische, pädagogisch-didaktische Perspektive zunehmend wieder Bedeutung finden. Die Entscheidung, welche Fächer in welchem Umfang in welchem Jahrgang in welcher Schulform unterrichtet werden, darf nicht in der Entscheidungsmacht einzelner Schulen liegen, sondern ist curricular bildungstheoretisch verankert.

Eine Gesellschaft von unkritischen, konsumierenden Individuen, denen das anthropologisch verankerten Grundbedürfnis nach Kultur verweigert wird, muss zu einer Dystopie führen. Schule muss Theater machen. Theater- und DSP-Unterricht mit Abstand und/oder auf digitalen Wegen funktioniert.

close

Als nun der Winter kam und der erste Schnee fiel, zogen sich die fünf kleinen Feldmäuse in ihr Versteck zwischen den Steinen zurück. In der ersten Zeit gab es noch viel zu essen, und die Mäuse erzählten sich Geschichten über singende Füchse und tanzende Katzen. Da war die Mäusefamilie ganz glücklich!

Aber nach und nach waren alle Nüsse und Beeren aufgeknabbert, das Stroh war alle und an Körner konnten sie sich kaum noch erinnern. Es war auf einmal sehr kalt zwischen den Steinen

der alten Mauer und keiner wollte mehr sprechen.

Da fiel ihnen plötzlich ein, wie Frederick von Sonnenstrahlen, Farben und Wörtern gesprochen

hatte.

Wie kann Theaterunterricht auf Distanz aussehen? Wie sollte sich das Fach entwickeln?

Aus der Ferne sind wir gemeinsam einsam und in der Nähe sind wir mit Abstand die Besten.

Theater- und DSP-Unterricht sollte nicht verkognitiviert werden und sich auf Textarbeit und Theorieimpulse beschränken. Denkbar sind mögliche Formen und damit verbundene Probleme:

...zoom (oder ähnliche Plattformen) als ästhetisches Gestaltungsmittel zu erforschen scheint auch mit Schüler*innen recht reizvoll. Doch was ist mit den Daten der Schüler*innen? Müssen die Spieler*innen nicht vor dem Netz, das nichts vergisst, gewarnt werden?

... Geistertheater oder Theater mit sehr wenigen Besucher*innen.

...Stationentheater, Urban Inventions, site specific, Stadtteil-Performance

...beim Lernen auf Distanz: a) Fokussierung auf Szenographie (Kostüm, Maske, Bühnenbau, Farbkonzepte, Lichtkonzepte), b) Autobiographische Schreibimpulse (die eventuell eine Ego-Zentrierung und Vereinsamung verschärfen), c) „Theater im Quadrat" (5x5m) , Fokus Raum, Körper, Stimme, Text

...Filmische Gestaltungsmittel erforschen, Grenzen erproben: Film theatralisieren und Theater verfilmen (Wo ist der Unterschied zwischen Theater und Film? Warum brauchen wir das Theater noch?)

Zahlreiche Theaterlehrer*innen auf Bundesebene haben gezeigt, dass „Theater - jetzt erst recht!" möglich ist...

close

„Frederick!" riefen sie, „was machen deine Vorräte?"

„Macht die Augen zu", sagte Frederick und kletterte auf einen großen Stein. „Und jetzt schicke ich euch die Sonnenstrahlen. Fühlt ihr schon, wie warm sie sind? Warm, schön und golden?"

Und während Frederick so von der Sonne erzählte, wurde den vier kleinen Mäusen schon viel wärmer. Ob das Fredericks Stimme gemacht hatte? - Oder war es ein Zauber?

„Und was ist mit den Farben?" fragten sie Frederick aufgeregt. „Macht wieder eure Augen zu", sagte Frederick. Und als er von blauen Kornblumen und roten Mohnblumen im gelben

Kornfeld und grünen Blättern am Beerenbusch erzählte, da sahen sie die Farben so klar und deutlich vor sich, als wären sie aufgemalt in ihren kleinen Mäuseköpfen.

„Und die Wörter, Frederick?" Frederick räusperte sich, wartete einen Augenblick und sprach dann wie von einer Bühne herab:

„Wer streut die Schneeflocken? Wer schmilzt das Eis?

Wer macht lautes Wetter? Wer macht es leis?

Wer bringt den Glücksklee im Juni heran?

Wer verdunkelt den Tag? Wer zündet die Mondlampe an?

Vier kleine Feldmäuse wie du und ich wohnen im Himmel und denken an dich.

Die erste ist die Frühlingsmaus, die läßt den Regen lachen.

Als Maler hat die Sommermaus die Blumen bunt zu machen.

Die Herbstmaus schickt mit Nuss und Weizen schöne Grüße.

Pantoffeln braucht die Wintermaus für ihre kalten Füße.

Frühling, Sommer, Herbst und Winter sind vier Jahreszeiten.

Keine weniger und keine mehr. Vier verschiedene Fröhlichkeiten."

(Leon Leonni)

Rat für kulturelle Bildung - Alles immer smart (Denkschrift)

DOWNLOAD

Rat für kulturelle Bildung - Einstürzende Neubauten (Gastbeitrag Jörissen)

DOWNLOAD

Theaterunterricht und Corona 2020 - Jetzt erst recht!

Baden Württemberg

Landesverband Theater in Schulen (Baden-Württemberg): Theaterunterricht mit Abstand

DOWNLOAD
Landesverband Theater in Schulen (Baden-Württemberg): Theaterunterricht mit Abstand

Bayern

SPIEL_Platz 2.0 - Digitales Theaterfestival der LAG Bayern

DOWNLOAD

Theaterwerkstatt Blickwechsel. Theater - aber anders (Thomas Ritter)

DOWNLOAD

Berlin

Benedikt Zwölfer und Sabine Kündiger: Ideen zum Theater-Unterricht in der Corona-Zeit

DOWNLOAD

Brandenburg

Heike Schade: Ideen für den Unterricht im Fach Darstellendes Spiel/Theater

DOWNLOAD

Hamburg

Padlet

Hamburg Sven Asmus(-Rheinberger)

Padlet

Hamburg Sven Asmus/Nick Doormann/Johanna Vierbaum

Hessen

Landesverband Schultheater in Hessen: HTTS digital - Lichtblick (Festakt)

Landesverband Schultheater in Hessen: HTTS digital - Lichtblick (Festakt)

DOWNLOAD

Schleswig-Holstein

Padlet

Kiel Franziska Hundt