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Erprobung und Erforschung

Die zweite Phase des Inszenierungsprozesses ist v.a. geprägt von einer intensiven Materialherstellung und Materialauseinandersetzung: Texte, Szenen, Choreographien, Sounds, Bilder entstehen. Wege zum Thema, die Erforschung des Themas stehen im Mittelpunkt. Material wird hinsichtlicher seiner ästhetischen Qualität hinterfragt, überarbeitet, erprobt und gegebenenfalls auch verworfen. Wichtig ist in dieser Phase, dass die Arbeitsergebnisse gesichert werden (Mitschriften, Video-Aufzeichnungen, Fotos, Sound-Memos etc.).

Die Dramaturgie muss hierbei stets auf die Landkarte verweisen und aus Irrwegen herausführen, sie darf das Ziel, die Darstellungsintention und Hauptaussage der Inszenierung nicht aus den Augen verlieren. Die dramaturgische Kernidee sollte ausformuliert und für jeden zugänglich gemacht werden, evtl. sogar im Raum visualisiert werden. Arbeitswege dieser Phase können an einer Stellwand für alle sichtbar werden.

Struktur-Modelle

Dramaturgische Modelle müssen in Fragen übersetzt werden, die sich die Gruppe stellt. Die folgenden Modelle der Dramaturgie polarisieren Gegenüberstellungen und stellen Strukturvorschläge bzw. Anregungen dar.

Geschlossene Dramaturgie Offene Dramaturgie
Engführung der Szenen, 3 Einheiten, klare Zuspitzung, formbetont Szenenfolge, keine Exposition, keine zeitliche Ordnung, Themenbindung, Motivbindung
Beispiel: "Tasso" Beispiel: "Woyzeck"
Lineare Erzählweise Non-lineare Erzählweise
Strahl, Linie Kreis, Haken, Sprünge
eindimensional mehrdimensional
Sukzession der Handlung Erzählebenenwechsel
Szenenfolge Szenenhaufen, Handlungsinsel
Dialoge Ablösung des Dialogs, Tendenz des Episierenden (z.B.: Peter Szondi)
Handlungslogik, szenische Plausibilität Psychologisch-ästhetische Plausibilität

Dramaturgie-Typen

Neben diesen Polarisierungen sei an das Aristotelische Theater gegenüber dem Epischen Theater erinnert, wobei hier die Rezeption im Mittelpunkt stehen kann. Auch die Dichotomie dramatisches versus postdramatisches Theater kann als Modell dienen. Die Auflösung der Fabel, der Idee, des Subjekts, des Autors, der Rolle, des Konzepts des Authentischen, ist eine Reaktion auf den Genre-Mix und die Medialisierung des Alltags.

Trotz dieser postdramatischen Dramaturgie des Mosaiks kann es Ziel der Dramaturgie in Schultheaterproduktionen sein, Inhalt und Form in Fühlung mit dem Material, dem Diskurs, der Haltung zu finden.

Eine mögliche Strukturvorgabe ist hier die Orientierung an drei Typen der Dramaturgie:

Fokus Handlung Fokus Figur Fokus Thema
Aristotelisches Dreieck, geschlossenes Drama, Held, Linearität, Plausibilität, Handlung mit Unterbrechungen (evtl. auch mit Rahmen) Offene Szenenfolge, Bindung über Psychologie, offene Formen, Kreis, Rahmung Patchwork, reine Collage, Medienwechsel, ästhetische Bindung, mehrdimensional
A - B - C - DoderD - A - B - C - D - E A - D - F - A´- G - A´´B - E - A´´´ G - 1 - C - § - G - 2 - c - #
Beispiel: die individuelle Geschichte einer Trennung Texte: Romeo und Julia; Emilia Galotti Beispiel: Peter und Trennungen Beispiel: Trennungen im Allgemeinen
Beispiel Fokus Figur

Fokus Handlung


Der Fokus Handlung legt eine narrative Ausrichtung nahe.
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Fokus Figur


Damit dieser Dramaturgietyp nicht beliebig wird, ist eine Rahmung empfehlenswert.
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Fokus Thema


Eine thematische Collage besteht meist aus gleichwertigen, aber völlig unterschiedlichen Elementen.
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Die Phase der Erprobung und Findung zeichnet sich durch ein Wechselspiel zwischen Regie und Dramaturgie aus. Generierte (Szenen-)Materialien müssen präsentiert, angeschaut und unter Berücksichtigung der dramaturgischen Kernidee ausgewählt werden, die Spieler*innen müssen abwechselnd die Produktions- und die Rezeptionsebene einnehmen.

Empfehlenswert ist eine Material-, Objekt- oder Kostümvorgabe, welche metaphorisch für die dramaturgische Kernidee steht, eine Übersetzung der dramaturgischen Idee darstellt. Die Spieler*innen sollen mit dieser Vorgabe auf haptischer, akustischer und spielerischer Weise experimentieren, um so Einsatzmöglichkeiten, Wirkungsweisen und Funktionen zu erproben.

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Beispiele für haptische Vorgaben:

Bau-Folie, geschreddertes Papier, Einkaufswagen, Absperrband, Taschenlampen, Altpapierberge, Feldbetten, Regentonnen, Zelte, Regenschirme, Sand, Bademäntel, Roll-Spiegel, Tastaturen, Styropor ...

Das metaphorische Material wird in den Inszenierungsprozess eingebunden, ist bei der Probe zugänglich zum Spielen, Forschen, Erproben..

TÜR 1: Feeling Faust

Nach der Verständigung auf die Lesart, die Sehnsucht sich selbst zu spüren als dramaturgische Kernidee mit zeitloser menschlicher Relevanz und auf die Inszenierungskonzeption einer Parcours-Theater-Performance an unterschiedlichen Orten der Schule, mit der Fokussierung auf die Figur(en), Rollenzuweisungen (Faust für das Publikum und Mephisto und Mephista für alle Schüler*innen des Kurses Theater und Film als Gastgeber*innen), geht es um die Entwicklung von szenischem Material.

Konkrete Umsetzung

TÜR 2: „Ja, mein Herz?" (Bremen)

Konkrete Umsetzung