FOKUS AGORA SCHUL LABOR CAMPUS THEATER LABOR FORUM

Eröffnung und Sammlung

In der Eröffnungsphase geht es um den Beginn der Material-Sammlung, die Findung eines Themas, eines Inhalts und einer Form-Idee, die die Spielgruppe bewegt. Hier sind verschiedene Recherche-Formen möglich, die trotz ihrer Unterschiedlichkeit ein Ziel verfolgen: einen Punkt zu finden, der die Spieler*innen und ihre Erfahrungswelt berührt, und der zugleich politisch-gesamtgesellschaftlich relevant ist. Was bewegt die SuS? Was treibt sie an? Womit beschäftigen sie sich? Wie sieht ihre Erlebnis- und Erfahrungswelt genau aus? Die Ansatzpunkte können hierbei a) biographisch, b) literarisch/medial oder auch c) auf einer gesamtgesellschaftlichen Beobachtung fußen.

close

Wird eine literarische oder mediale Vorlage gewählt (Ansatzpunkt b), handelt es sich um eine Adaption eines Romans, epischen oder lyrischen Textes, eines Dramas oder eines Films. Der Adaptionsvorschlag kann von der Spielleitung kommen, da diese über umfangreiche Literatur- und Filmkenntnisse verfügt. Abzuraten ist von dem sehr offenen Impuls an die Schüler*innen, womit sie sich thematisch beschäftigen wollen, da sie zu folgenden Themen tendieren: Prostitution, Drogenabhängigkeit, Gewalt etc. Eine Recherche, die die Gründe für die Angabe dieser und ähnlicher Themen erforscht, hat gezeigt, dass die Schüler*innen diese Themen häufig wählen, da sie „ein spannendes Stück“ zeigen wollen. Die Schüler*innen richten sich demnach nach der Publikumsintention - welche aus theaterpädagogischer Perspektive ohnehin fragwürdig ist - und wählen das Thema nicht, da es ihre Erfahrungswelt berührt. Wenn alles schief läuft, stehen am Ende Jugendliche auf der Bühne, die versuchen, ihnen völlig ferne „Rollen“ darzustellen. Sie haben weder das Alter noch die Erfahrung, um dieser Aufgabe gerecht zu werden und stellen nur Klischees da.
Wichtig ist bei der Text-Wahl vielmehr, mögliche Bezüge zur Spielgruppe herzustellen und zu antizipieren. Der Lese- und Rezeptionsvorgang sollte hier gesteuert und dokumentiert werden (Lektüreaufgaben: Konflikte finden, Kernaussagen, berührende Text-stellen, Lieblingsszene o.Ä.).

Recherche-Formen

Weitere Performance-Anregungen: Sibylle Peters: Playing Up.

DOWNLOAD

Fächerübergreifende Anregungen: Kunstlabore Hamburg

DOWNLOAD

Die Arbeit des Dramaturgen/der Dramaturgin in der Eröffnungsphase ist bestimmt von einem „Hineinfühlen“ in die Spieler*innen, begleitet von einem offenen Ohr und einem offenen Auge für gesamtgesellschaftlich-politisch, soziologisch, psychologisch, philosophisch relevante Themen. Wichtig ist, dass der/die Spielleiter*in jeden und jede individuell wahrnimmt und bis zu einem Punkt mit dem Einzelnen arbeitet, bis er oder sie eine Geschichte erzählt, die nur er oder sie erzählen kann. Hier wird deutlich, dass die erste Phase nicht streng von der zweiten Phase zu trennen ist, da diese Geschichte bereits Material für die 2. Phase ist.
Das Ergebnis dieser Phase sollte ein Themen- und/oder Formvorschlag sein, der recht weit gefasst sein kann. Im Laufe der Phase muss mit der Spielgruppe eine dramaturgische Kernfrage herausgearbeitet werden.

close

Eine Möglichkeit, gemeinsam eine Kernfrage zu finden, ist die „Sektenbildung“ nach Setzung eines biographischen, literalmedialen oder auf Beobachtungen fußenden Impulses. Die Aufgabenstellung ist beispielsweise:
Du gründest eine Sekte. Welches Thema des Buches hat dich besonders berührt? Wofür soll sich deine Sekte einsetzen? Was willst du aussagen? Was ist dein Motto? Versuche, möglichst viele Sektenanhänger zu finden. Wenn eure Sekte komplett ist, malt gemeinsam Transparente, studiert einen Spruch ein.

Am Ende erhält die Spiel-Gruppe so zwei oder drei Inszenierungsansätze, von denen schließlich einer gewählt werden kann.

Dramaturgie-Mappe

In der Eröffnungsphase wird eine digitale und analoge Dramaturgiemappe angelegt, hier werden alle Impulse gesammelt, die zu der dramaturgischen Kernfrage geführt haben oder diese berühren (Zeitugsartikel, Links, Fotos, Bilder, Serien, philosophische Texte, Kunstwerke, Videos, Filme, Lieder, wissenschaftliche Texte, Statistiken, Nachrichten, Talk Shows, Youtuber...). Die Dramaturgiemappe wächst während der ersten und zweiten Phase, in der dritten Phase sollte sie nicht mehr ergänzt werden, da dramaturgische Entscheidungen in der dritten Phase abgeschlossen werden müssen. Jedes Ensemblemitglied ist aufgefordert, Material für die Dramaturgiemappe beizusteuern.

Feeling Faust (München)

TÜR 1
close

Problem

Da es in der Schule weder einen Theaterraum noch eine Bühne gibt, trifft sich der Kurs von Anfang an an verschiedenen Orten, in Klassenzimmern, in der Bibliothek, in der Pausenhalle, je nachdem wo gerade frei ist. Aus diesem anfänglichen Problem entsteht die Idee, diese Orte später auch als Bühne zu nutzen, das Schulstoffthema FAUST auch räumlich in der gesamten Schule zu verorten und das Publikum auf einem Parcours von Ort zu Ort durch Schule und Faust-Thematik zu (ver)führen.

(Elke Bauer)

Für weitere Inspirationen von außen, neben Goethes Text und dem Fragebogen, recherchieren die Schüler/innen nach Bildmaterial aus Faust-Inszenierungen an Theatern. Ergebnisse waren Bilder zu folgenden Inszenierungen:

  • Faust I und II von Goethe, Inszenierung: Nikolas Stemann, Thalia Theater Hamburg, 2011
  • Faust I von Goehte mit Texten aus Elfriede Jelineks FaustIn and out . Inszenierung: Stephan Kimmig, Schauspielhaus Stuttgart, 2017
  • Faust I und II von Goehte / Wilson / Grönemeyer, Berliner Ensemble, 2015
  • Faust von Goethe, Inszenierung: Martin Kušej, Residenztheater München, 2014

Über die Auseinandersetzung mit den Fotos und den Kostümen wird zum einen die zeitliche Setzung diskutiert, es soll auf jeden Fall ein heutiger aktueller Zugriff sein und zum anderen entsteht die weitere Fokussierung auf die drei Figuren: Faust, Gretchen, Mephisto.

Faust: Stemann, Hamburg 2011
Faust: Kimmig, Stuttgart 2017

Fragebogen Feeling Faust

DOWNLOAD
Szenische Aufgabe

Wissens-Sätze

DOWNLOAD

Konzeptidee

Der Auswertung des Fragebogens führt zur weiteren Konkretisierung der Faust-Figur. Faust ist verkopft, sinnsuchend, studiert und hat die Sehnsucht sich selbst zu spüren, Lust zu gewinnen, präsent zu sein. Er möchte Gedanken und Gefühle zu einem Augenblick des Glücks verdichten und diesen unbedingt festhalten. Diesen Zustand versucht er mit allen Mitteln zu erreichen. Er will Liebe, Glück, ganz im Moment leben. Er sucht den Rausch, will sich verjüngen und sich in Ekstase verlieren, die Kontrolle aufgeben. Diese Sehnsucht ist nicht an Alter oder Geschlecht gebunden. Wir alle sind Faust und wünschen uns zu lieben, auszubrechen, frei miteinander umzugehen. Alleine fällt das schwer. Wir benötigen die anderen. Faust benötigt Mephisto, der ihn aus seinen festgefahrenen Denkstrukturen befreit. Es entwickelt sich die Idee, das zukünftige Publikum (stellvertretend für die Fragebogen-Fragenbeantworter/innen) zu Faust zu erklären. Gegenspieler Mephisto müssten dann folgerichtig die Spieler/innen sein. Die Figur wird dem Kurs entsprechen gedoppelt und zu Mephisto und Mephista als die Fragenstellenden, Performenden, die Spielemacher/innen, Gastgeber/innen, Antreiber/innen, Einpeitscher/innen, Ermöglicher/innen.

Bei der Gretchenfigur gibt es Diskussionen darüber, wer oder was dieses Mädchen außer Zuspielfigur für Fausts sexuelle Sehnsüchte eigentlich ist und wer sie spielen könnte. Keinesfalls eine der jungen Frauen, die keine alten Klischees reproduzieren wollen. Da es nicht möglich scheint diese Figur zu streichen, ist klar, dass ein junger Mann die Rolle übernehmen müsste. Und Gott? Den Schüler/innen scheint es interessanter die über allem stehende moralische Instanz zu vernachlässigen und die Entscheidungen bei den als ebenbürtig gesetzten Figuren zu lassen.

Daraus ergibt sich folgende Konzeptionssidee:

Das Publikum wird von den Mephistos und Mephistas als Faust begrüßt und zum faustschen Selbsterfahrungstrip eingeladen, der auf verschiedenen Stationen durch das Schulgebäude dazu verführt, sich selbst zu spüren, bis am Ende jede/r einen perfekten Augenblick erlebt hat und sagen kann: „Verweile doch! du bist so schön!“

Die Dramaturgie wird in das ästhetische Konzept für die Ausstattung übertragen: Die Inszenierung entscheidet sich gegen eine klassische Bühnensituation, verortet den Schulstoff im Schulhaus und integriert ihn so komplett in den Schulalltag. Das Publikum wird bei dieser Parcours-Theater-Performance von Station zu Station, von Unterrichtseinheit zu Unterrichtseinheit geleitet, es wird zum/r Mitspieler/in, der/ die an verschiedenen Orten immer wieder zu neuen Interaktionen herausgefordert wird, um sich (so wie Faust) selbst zu spüren. Geführt und inszeniert wird es dabei von Mephisto und Mephista, die als regieführende Gastgeber/innen Abendgarderobe tragen. FEELING FAUST, EINE STUNDE UNTERRICHT, Dauer 45 Minuten.

(Elke Bauer)

„Ja, mein Herz?" (Bremen)

TÜR 2

Konzeptidee

Im geschilderten Projekt brauchten wir gleich mehrere Anläufe, bis wirklich alle Feuer fingen.

Schmerzlicher Weise hatten wir sogar schon zu einem anderen Thema gearbeitet, bis zu große Zweifel aufkamen, ob wir wirklich dem richtigen Pfad folgen. Es erforderte Mut, aber wir verwarfen das bisher erarbeitete Material – obwohl wir schon einiges an Zeit investiert hatten - weil uns das bisherige Thema nicht (mehr) inspirierte.

Erst eine erneute Fragerunde brachte endlich den Durchbruch.

In den „Einzelinterviews“ fiel plötzlich die Aussage:

„Ich habe das Gefühl, man kann gar nicht wirklich man selbst werden, wenn die Eltern einen nicht akzeptieren, wie man ist.“ Stille. Und plötzlich sprudelte aus allen hervor, was sie beim Thema Familie umtreibt, von philosophischen bis hin zu ganz pragmatischen Aspekten.

(Sausan Osman)

AnderLand (Lübeck)

TÜR 3

Superhelden-Schatten von Jason Ratliff

DOWNLOAD

Beispiele aus der Dramaturgiemappe

Forinte: Virtuelle Bewegungen werden analogisiert
Philosophische Perspektive auf Bewertungen/Kommentare in virtuellen Welten (Minute 34)
Mechanismen der Influenzier (Minute 11:22)
Trailer „Fake on me" (Theater Oberhausen, 2019)
Trailer „Klassenbuch" (Deutsches Theater Berlin 2018)
Trailer „The Cleaners" (Dokumentation 2018)
Lane Smith: Das ist ein Buch
Marc Uwe Kling: Quality Land